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Hergeben?
Nö, da wird lieber selbst genascht

In der Schokoladenwerkstatt im Museum Ritter stellen Kinder selbst kakaobraune Quadrate her

Von Tobias Röschl
Kreiszeitung Böblinger Bote vom Samstag, 04.März 2006

Foto: Volker WinklerDie cremige Schokoladenmischung schmeckt Janina schon prima, bevor die Masse in die Quadratformen fließt.

"Mmh, lecker" summt Marc geradezu, während er genüsslich ein Stück der schwarzen Kakaomasse auf der Zunge zergehen lässt. Langsam wandern die Mundwinkel des Elfjährigen in Richtung Ohren. "Richtig lecker", stellt er noch einmal mit stolz geschwellter Brust fest. Schließlich hat der Gymnasiast gerade von seiner ersten eigenen Schokoladenkreation gekostet. Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden Kosta und Raphael ist der Herrenberger nach Waldenbuch gekommen, um neben der Schokoladenwerkstatt auch noch das Museum Ritter zu besuchen. Wie die Drei auf diese Angebot gestoßen sind? " Meine Oma hat uns angemeldet, nachdem sie von diesem Kinderprogramm an den Wochenenden erfahren hat", erinnert sich Raphael mit nicht weniger zufriedener Miene. Auch er kaut gerade noch auf den zarten Stückchen seiner ersten eigenen Schokolade. "Darin darf natürlich auch Knallbrause nicht fehlen", meinen die Drei unisono. Doch bevor sich die Gruppe von insgesamt sechzehn Kindern an den silbrig glänzenden Tischen der Schokowerkstatt so richtig austoben durfte, stand erst einmal eine Führung durchs Museum auf dem Programm. Und die hatte mit Schokolade recht wenig zu tun.
Vielmehr versorgt das Museum Ritter seine Besucher mit allerlei Genüssen für Geist und Gemüt, Marli Hoppe-Ritter, Enkelin von Firmengründer Alfred Ritter, hat ihr Faible für die moderne Kunst und das Sammeln solcher Werke im eigenen Museum verwirklicht. Wer das Museum betritt, den erwarten Ecken und Kanten an allen Ecken und Enden. Und selbst der Museumsbau an sich tut dieser Linie in seiner beeindruckenden Formgebung keinen Abbruch. " Ich hab´s entdeckt", ruft Jannika. Ihr Arm wedelt durch die Luft, während sie gemeinsam mit den anderen größeren und kleineren Teilnehmern des Kindernachmittags auf dem dunklen  Parkettboden des Museums sitzt. Im Halbkreis hat sich der Nachwuchs um Bettina Weber niedergelassen, die die Kinder flüsternd mitnimmt auf eine kleine Reise durch diese Quadratur der modernen Kunst. "Mir ist es wichtig, dass die Kinder verstehen, dass ein Kunstwerk nicht einfach besteht, sondern immer ein Prozess der Herstellung vorausgegangen sein muss", beschreibt die Museums Mitarbeiterin die Absicht ihrer kompakt gehaltenen Führung.

Foto: Volker WinklerQuadratische Perspektiven bietet auch die Sammlung des Museums Ritter, durch die Bettina Weber ihre quirlige Kindergruppe führt.

Das versteckte Rechteck schnell bemerkt
Nun ist Jannika auch endlich an der Reihe. Als erste nämlich hat die Zehnjährige das vereckte Rechteck bemerkt, auf das sie nun freudig grinsend hinweist. Integriert in unzählbare farbige Quadrate steht dieses schwer erkennbar hinter dem eigentlichen Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. " So schnell hat das aber noch niemand entdeckt", sagt Bettina Weber und runzelt erstaunt die Stirn. Überhaupt sind die jungen Teilnehmer eifrig bei der Sache. "Das ist wirklich sehr interessant hier", meint auch der kleine Nils. Mit seinen sechs Lenzen gehört er zu den jüngsten Teilnehmern an diesem Nachmittag, was seiner Begeisterung keinen Abbruch tut. Mit weit geöffneten Augen folgt er den Ausführungen von Bettina Weber. Kein Tippeln mit den im Schneidersitz verschränkten Beinen. Kein Herumalbern mit dem Nebensitzer. Einfach konzentrierte Stille.
Und das, obwohl die Kunstexpertin ihrem Publikum gerade etwas über die räumlichen Achsen in einem Kunstwerk erklärt. " Mir ist es wichtig, den Kindern das Gefühl zu geben, dass sie etwas wissen uns sie darüber hinaus auch immer mit etwas Neuem zu reizen", erklärt Bettina Weber. Zur Umsetzung dieses Konzepts bezieht sie die Kinder immer wieder mit Fragen in die Bildbetrachtung mit ein. Etwas skeptisch wird sie dabei von Stefanie und Anne beäugt. Die beiden Freundinnen liegen mit ihren 16 und 15 Jahren nicht mehr ganz in der Zielgruppe des doch sehr einfach gehaltenen Programms. Etwas am Rande niedergelassen, zeigen die beiden trotz alledem ein wenig guten Willen. " Wir kommen uns etwas unterfordert vor", meint die ältere Stefanie. Anne nickt zustimmend. Doch Durchhalten ist angesagt, denn nach der Führung geht´s direkt in die Schokowerkstatt. Umgeben von Unmengen von Schokolade und verschiedensten Leckereien werden selbst die Älteren noch einmal zu richtigen Naschkatzen. Ganz so wie Simone Bühler und Claudia Künzer.

"Kindern das Gefühl geben, dass sie etwas wissen"
Die sind nämlich Naschkatzen von Berufs wegen. Sie empfangen die nun geistig gefordereten Kinder in der im Museum ansässigen Schokowerkstatt. Bevor sich die Heranwachsenden ins Vergnügen stürzen dürfen, gibt´s erst noch einmal etwas Theorie. Schließlich will ein richtiger Schoko-Künstler auch wissen, woher die Rohmasse stammt und aus was sie besteht. Eifrig fliegen auch hier wieder die Arme empor. Jeder will sein Wissen beitragen. Gemeinsam wird gerätselt und gelöst, bis dann alles Wissenswerte beisammen ist.
Dann folgen die Kleinen und auch die Größeren ganz ihrem Instinkt, schlüpfen noch in die Kittel, streifen die Ärmel zurück und stehen in freudiger Erwartung der Zutatenbox gegenüber. Alles, was das Herz begehrt, findet sich darin wieder. In der Luft liegt ein süßer Duft von erwärmter Schokolade, der Blick fällt auf Marshmallows, Gummibärchen, Knallbrause, Corn-Flakes, Chelly-Bellies, Mäusespeck und vieles mehr. Ein echtes Schlaraffenland für jedes Kinderherz. Und nun darf sich auch jeder bedienen an dieser Theke der süßen Begehrlichkeiten, um dann die ganz eigene Mischung in seiner persönlichen Ritter-Sport-Schokolade zu verwirklichen.
Dass die eigene Kreation derart lecker sein kann, hätte Marc zu Beginn dieses Sonntags wohl auch nicht gedacht. Mittlerweile kann er gar nicht mehr genug kriegen von seiner WM-Schokolade, wie er sie selbst genannt hat. Und so bleiben seine Hände auch beharrlich auf dem Schoß, als Claudia Künzer wissen möchte, wer eine seiner zwei selbst hergestellten Tafeln verschenkt. Hergeben? Nö, da wird lieber selbst genascht. "Mmh, richtig lecker."

Weitere Informationen im Internet
www.museum-ritter.de

date modified 29-06-2006 11:39
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